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Reisebericht 2006

Die Clinic wird nochmals erweitert

Vor einem Jahr wurde an der HOPE FOR ALL Clinic ein zweiter zahnärztlicher Behandlungsplatz eingerichtet. Diese Massnahme hat die Wartezeiten für Patienten verringert und liess die Anzahl der zahnärztlichen Konsultationen um 35 % auf 8'200 pro Jahr ansteigen. Die Zahnbehandlungen werden sorgfältig, aber mit weniger Aufwand durchgeführt als in der Schweiz. Grosser Wert wird auf einwandfrei sterile Instrumente und Materialien gelegt. Unser Zahnarzt verwendet kein Amalgam. Eine Behandlung kommt uns auf etwa 3½ US-Dollars zu stehen.

Die meisten Leute in Kambodscha haben bedenklich schlechte Zähne und suchen den Zahnarzt erst auf, wenn sie an Zahnschmerzen leiden. Dann ist der Zahn oft nicht mehr zu retten. Bei 60 % der Patienten muss der Zahn gezogen werden, bei 20 % wird eine Füllung gemacht und bei 16 % wird eine Wurzelbehandlung durchgeführt.

Eine nachhaltige Verbesserung bringt nur eine gute Vorbeugung. Unsere Angestellten instruieren die Leute, wie man seine Zähne reinigt. Sie verteilen Zahnbürsten und Zahnpasta an Bedürftige, die sich diese Ausgaben nicht leisten können. Damit das Zähneputzen überhaupt wirken kann, müssen zuvor die dicken Zahnsteinbeläge entfernt werden. Diese Aufgabe wird von den Assistenten der Clinic übernommen. Doch eine Zahnsteinentfernung ist zeitraubend und blockiert einen Zahnarztstuhl, der für kürzere Eingriffe und Kontrollen zur Verfügung stehen sollte.

Aus diesem Grund möchten wir einen dritten Behandlungsplatz einrichten. Dafür müsste das Gebäude um 2½ Meter verbreitert werden. Die Kosten für diese Erweiterung sind erfreulich tief: Für Anbau und Einrichtung werden etwa 11'000 US-Dollars veranschlagt.

Die Sache mit dem Kompressor

Ein Zahnarzt braucht Pressluft, um seine Instrumente zu betreiben. Offensichtlich vertragen die gängigen zahnärztlichen Kompressoren das feuchtheisse und sandige Klima von Kambodscha nicht besonders gut. Nachdem der Kompressor der Clinic mehrmals den Geist aufgegeben hatte, wurde kurzerhand ein billiges und robustes Gerät angeschafft, das sonst zum Aufpumpen von Pneus verwendet wird. Es funktioniert einwandfrei, macht aber einen derartigen Lärm, dass es wohl oder übel durch einen leiseren Kompressor
ersetzt werden muss, der hoffentlich auch tropentauglich ist.


Der Kompressor, der zu viel Lärm macht

Gegen den Biss der Kobra ist ein Kraut gewachsen

Für bedürftige Patienten ist die Behandlung in der HOPE FOR ALL Clinic kostenlos. Doch viele Leute können sich die Fahrt zur Clinic nicht leisten und suchen deshalb einen Naturarzt in ihrer Nähe auf. Manchmal erscheinen Patienten in einem bedenklichen Zustand in der Clinic, weil sie vom Naturarzt nicht richtig behandelt worden sind, doch in anderen Fällen leistet die Naturmedizin Erstaunliches. Der Clinic-Arzt Dr. Sovuthy hat mir die Geschichte eines Patienten erzählt, der nach dem Biss einer Königskobra in ein Spital gebracht wurde. Trotz einer Serumbehandlung verschlechterte sich der Zustand des Patienten so sehr, dass ihn die Ärzte aufgaben. Da besorgte ein Bettnachbar einige Blätter der Pflanze MCHOUL PICH (siehe Abbildung auf der nächsten Seite), die zerstampft in den Mund des Patienten und auf die Bisswunde gelegt wurden. Einige Tage später konnte der Patient das Spital geheilt verlassen.


Der Clinic-Arzt Dr. Sovuthy mit der Heilpflanze
MCHOUL PICH (Barleria lupulina)

Kommen die Roten Khmer vor Gericht?

Das Museum Tuol Sleng in Phnom Penh ist ein erschütterndes Mahnmal an die Zeit der Roten Khmer. Die Gebäude dienten ursprünglich als Schule, bevor man sie zu einem Konzentrationslager umbaute, um darin zehntausende unschuldige Männer, Frauen und Kinder auf grausamste Weise gefangen zu halten. Jede Nacht gab es Transporte auf die „Killing Fields“ ausserhalb der Stadt, wo man die Gefangenen das eigene Grab schaufeln liess und anschliessend erschoss oder erschlug.

Die ehemaligen Funktionäre und Folterknechte der Roten Khmer führen heute ein unbehelligtes Leben, als ob nie etwas geschehen wäre. Wenn sie ihren früheren Opfern begegnen, schauen beide Seiten weg. Die Erinnerungen von damals werden verdrängt.

Seit vielen Jahren drängen die UNO und andere Organisationen darauf, dass die Schuldigen der Roten Khmer abgeurteilt werden. In Phnom Penh wurde ein imposantes Gebäude erstellt, um darin ein Kriegsverbrechertribunal abzuhalten.
Wahrscheinlich wird dieses Gericht zur Farce verkommen. Wie lässt sich nach 30 Jahren noch herausfinden, wer damals welche Verbrechen begangen hat? Wie wird sich der amtierende Ministerpräsident Hun Sen herausreden, der in der Armee Pol Pots als hoher Offizier gedient hat, bevor er zu den Vietnamesen übergelaufen ist? Müssten nicht auch China und die USA angeklagt werden, welche die Roten Khmer nach ihrer Vertreibung weitere 10 Jahre lang als rechtmässige Regierung Kambodschas anerkannt und unterstützt haben?

Kambodscha zur Zeit der Roten Khmer

Die Jahre 1975-1979 sind das dunkelste Kapitel in der Geschichte von Kambodscha. Die Guerillas der Roten Khmer hatten die Macht übernommen, um das blühende Land in einen kommunistischen Agrarstaat zu verwandeln. Alle Menschen wurden aus den Städten vertrieben und mussten Landwirtschaft betreiben. Schulen, Post, Geld, ärztliche Einrichtungen und Maschinen wurden abgeschafft. Die Ausübung einer Religion war untersagt und in den Pagoden wurde Munition eingelagert. Jeder Besitz war verboten, sogar das Pflanzen von Gemüse für den Eigenbedarf. Damit sich keine besitzähnlichen Gewohnheiten entwickeln konnten, siedelte man die Bevölkerung immer wieder um. Kinder wurden von ihren Müttern getrennt und in Lagern aufgezogen. Aus Schulhäusern wurden Konzentrationslager, in denen man unschuldige Mitbürger willkürlich gefangen hielt, misshandelte und ermordete.

Im Laufe von vier Jahren haben die Roten Khmer ihr eigenes Land gründlich zerstört und zwei Millionen ihrer Landsleute umgebracht. Als Kambodscha im Jahr 1979 von Vietnam besetzt wurde, verkrochen sich die Roten Khmer in entlegene Gebiete im Nordwesten des Landes, um die Bevölkerung von dort aus weiter zu terrorisieren. Inzwischen haben sie keine Bedeutung mehr und ihr Anführer Pol Pot ist gestorben. Einige seiner ehemaligen Minister wurden verhaftet und leben heute komfortabel unter Hausarrest. Sie sind sich keiner Schuld bewusst.

Ein neuer Aussichtsturm und eine gestohlene Stromleitung

Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh boomt. Die Grundstückpreise explodieren und neue Gebäude schiessen wie Pilze aus dem Boden. Eine ausländische Gesellschaft hat kürzlich das Baurecht für eine 68 Hektar grosse Insel im Bassac-Fluss gegenüber von Phnom Penh erworben und der Regierung dafür 63 Dollars pro Quadratmeter bezahlt. Die Bauern, denen das Land bisher gehörte, wurden enteignet und von den Regierungsbeamten mit 2 bis 12 Dollars pro Quadratmeter entschädigt. Die Leute fragen sich wohl zu Recht, wo die Differenz geblieben ist.

Um die Insel zu erschliessen, werden für 60 Millionen Dollars drei Brücken gebaut. Auf dem Areal sollen ein Kultur- und Touristenzentrum sowie Hotels, Wohnhäuser, Läden, Schulen und ein Spital entstehen. Als Höhepunkt wird ein 222 Meter hoher Aussichtsturm gebaut, von wo aus jedermann die ganze Stadt überblicken kann. So behaupten es wenigstens die Initianten des Projektes. Doch die meisten Kambodschaner werden sich die Fahrt zur Aussichtsplattform so wenig leisten können wie den Besuch eines kürzlich im Zentrum der Hauptstadt eröffneten Vergnügungstempels mit Restaurants, Nachtclubs, Saunas und über 100 Karaokeschuppen, die täglich während 24 Stunden in Betrieb sind. Ein Bauarbeiter verdient weniger als 2 Dollars pro Tag. Lehrer oder Polizisten werden noch schlechter entlöhnt.

In Kambodscha klafft die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander. Während sich die Habenichtse jeden Tag aufs neue sorgen müssen, wie sie sich und ihre Familie ernähren, sind auf den Strassen immer mehr teure Autos zu sehen. Kein Wunder, dass die Kriminalität zunimmt. Die überaus beliebten Mopeds sind häufiger gestohlen als gekauft, und nicht selten werden die Fahrer von Kleinmotorrädern mit vorgehaltener Schusswaffe zur Herausgabe ihres Gefährts gezwungen. Vor ungefähr drei Wochen gab es im Kindergarten von HOPE FOR ALL keine Elektrizität mehr, weil Diebe in der Nacht zuvor die 250 Meter lange Stromleitung zum Gebäude abmontiert hatten. Ein gleicher Vorfall hat sich vor ein paar Jahren schon einmal ereignet. Haushunde schützen wenig vor nächtlichen Einbrüchen, denn die Tiere werden kurzerhand vergiftet oder eingefangen und auf dem Markt verkauft.

Warum die Clinic klimatisiert ist

Im Sommer wird es sehr heiss in Kambodscha. Temperaturen von 40 Grad Celsius sind nicht aussergewöhnlich. Die Behandlungsräume in der HOPE FOR ALL Clinic sind klimatisiert. Dies ist keine Luxusmassnahme, damit Arzt und Zahnarzt einen kühlen Kopf behalten, sondern hat technische Gründe. Beispielsweise wird das Material für Zahnfüllungen bei Temperaturen über 30 Grad schon hart, bevor der Zahnarzt damit das Loch füllen kann.

Vogelgrippe

Im vorletzten Herbst sind in Kambodscha vier Leute an Vogelgrippe gestorben. Daraufhin verfügte die Regierung in einigen Provinzen eine Ausmerzaktion aller Hühner und Enten. Hat man die Beamten, welche diese Massnahme kontrollierten, wohl mit frischen Eiern bestochen, dass sie beide Augen zudrückten? Um die Häuser herum waren die Hühner und Enten tatsächlich verschwunden, doch jedermann wusste, dass das Federvieh einfach in den Wohnungen gehalten wurde – die beste Voraussetzung für die lebensgefährliche Übertragung einer Vogelgrippe auf den Menschen.

Mittlerweile werden die Vögel wieder ins Freie gelassen und auf den Märkten verkauft. Anfangs Jahr berichtete eine Zeitung von grippekranken Enten, die aus Vietnam eingeschmuggelt worden sind, doch die Menschen hier kümmert dies wenig. „Uns wird schon nichts passieren“ ist die vorherrschende Meinung, die auch vom Arzt der Clinic vertreten wird.

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