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Reisebericht 2005

Im vergangenen Jahr ist Kambodscha von grösserer Trockenheit oder Überschwemmungen verschont geblieben, doch das Land produziert nach wie vor nicht genügend eigene Nahrungsmittel, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Der fruchtbare Agrarstaat, dessen Reis früher in ganz Asien begehrt war, muss heute Reis importieren. Auf anderen Gebieten ist ein bescheidener Aufschwung sichtbar. Die staubigen oder schlammigen Naturstrassen von Phnom Penh werden nach und nach geteert, und in den kommenden Jahren sollen auch die löcherigen Nationalstrassen saniert werden, die von der Hauptstadt aus die entlegenen Provinzen erschliessen.

Die Clinic wurde erweitert

Dank einer grosszügigen Spende konnten wir in der HOPE FOR ALL Clinic einen zweiten zahnärztlichen Behandlungsplatz einrichten. Damit vermindern sich viele Engpässe und lange Wartezeiten. Weil es in Kambodscha kaum ein Telefon gibt, werden die Patienten nicht auf einen Termin bestellt, sondern einfach der Reihe nach behandelt. In Zeiten grossen Andrangs mussten manche von ihnen stundenlang warten oder gar nach Hause geschickt werden, selbst wenn ihre Behandlung nur kurz gedauert hätte. Dank dem zweiten Behandlungsplatz kann sich unser Zahnarzt den Füllungen und Wurzelbehandlungen widmen, während sein Assistent im Nebenraum die kleineren Eingriffe vornimmt.

In absehbarer Zeit bedarf der bisherige erste zahnärztliche Behandlungsplatz einer Erneuerung. Er wurde zwar erst vor sieben Jahren installiert, doch viele Apparaturen sind ausgemusterte Occasionen, die uns damals geschenkt wurden. Die Jahre und das tropische Klima haben ihnen zugesetzt, und Ersatzteile sind nicht mehr erhältlich. Die Erneuerung wird etwa 8'000 US-Dollar kosten.

Der Ärger des Prinzen

Der Arbeitsweg von Kambodschas Ministerpräsident Hund Sen ist keine 10 Kilometer lang, doch der Magistrat lässt sich regelmässig per Hubschrauber zu seinem Amtssitz fliegen. Dieses Privileg steht Prinz Ranariddh, dem Vorsitzenden des Parlamentes nicht zu. Stattdessen ist der Prinz in einer Wagenkolonne unterwegs, die sich mit Polizeieskorte und Sirenengeheul einen Weg durch die Strassen bahnt. Als Ranariddh mit seinem Gefolge kürzlich zum Königspalast fahren wollte, wurde der erste Wagen der Eskorte am Palasteingang durchgelassen, doch dann schloss sich das Portal und der Prinz blieb auf der Strasse ausgesperrt. Die Leute schmunzelten über diesen Vorfall, doch Prinz Ranariddh war darob derart erbost, dass er die Entlassung des Chefs der Palastwache forderte.

Heiss begehrte Mikro-Kredite

Seit mehr als zwei Jahren gewährt HOPE FOR ALL Darlehen an mittellose Frauen oder Männer, um ihnen beim Aufbau einer selbstständigen Existenz zu helfen. Diese Kredite müssen verzinst und nach spätestens einem Jahr zurückbezahlt werden. HOPE FOR ALL begnügt sich mit einem Zins von 5 % und bietet dazu eine Art Versicherung: In Fällen von höherer Gewalt wie beispielsweise schwerer Krankheit muss das Darlehen erst später, nur teilweise oder gar nicht zurückbezahlt werden.

Oft genügt eine Starthilfe von 100 oder 200 US-Dollar, um einen erfolgreichen Handel oder einen Kleinbetrieb aufzuziehen. Wir greifen ein paar Beispiele heraus:

Familie To Kim Lay kaufte mit einem Kredit von 120 US-Dollar die notwendigen Geräte, um aus gekochtem Reis, Zucker und Fruchtsäften eine Art Gelée-Bonbons herzustellen. Die Süssigkeiten werden auf dem Markt verkauft und bringen einen täglichen Profit von 13 Dollars. Dies reicht aus, um die ganze grosse Familie zu ernähren.

Frau Neang Sophal erhielt von HOPE FOR ALL ein Darlehen von 120 Dollar, um eine Nähmaschine samt Zubehör zu kaufen. Sie näht damit für eine Vertragsfirma Hüte und verdient pro Tag 4-5 Dollar.

Herr Chuon Kay erwarb für 240 Dollar ein Kleinmotorrad und bietet damit Taxidienste an. Weil die Konkurrenz an Taxifahrern zu gross ist, zahlt sich diese Tätigkeit nicht aus, und Herr Kay muss nachts weiterhin verwertbare Abfälle sammeln und verkaufen. Immerhin konnte er sich den Traum von einem eigenen Motorrad erfüllen und das Darlehen zurückzahlen. Inzwischen gewährt HOPE FOR ALL keine Kredite mehr für Motorräder.

Herr Keal Min kam vor 12 Jahren als Flüchtling nach Phnom Penh. Die ersten Jahre fristete er sein Leben als Abfallsammler, dann begann er einen Gemüsehandel. Später betrieb Keal Min auf der Strasse eine kleine Garküche. Vor zwei Jahren ersuchte der Mann um zwei Kredite von 240 und 360 Dollars, um ein Lokal zu mieten und darin ein kleines Restaurant zu eröffnen. Heute erzielt der Familienbetrieb einen täglichen Umsatz von etwa 100 Dollar. Dies reicht aus, um alle Unkosten zu begleichen und einen ansehnlichen Gewinn zu erwirtschaften.

Familie To Kim Lay fabriziert Bonbons
Familie To Kim Lay fabriziert Bonbons
Neang Sophal näht Hüte
Neang Sophal näht Hüte
Keal Min ist stolz auf sein Restaurant
Keal Min ist stolz auf sein Restaurant
 
Viele Kambodschaner sind spielsüchtig
Viele Kambodschaner sind spielsüchtig
 

Freilich führen nicht alle Mikro-Kredite zum Erfolg. Trotz aller Sorgfalt, mit denen die Bewerbungen geprüft werden, kommt es vor, dass ein Kreditempfänger schon nach ein paar Wochen mit leeren Händen da steht oder mit unbekanntem Aufenthalt verzogen ist. Ein häufiger Grund für den Verlust ist die Spielsucht, der viele kambodschanische Männer verfallen sind. HOPE FOR ALL hat daraus gelernt und gewährt seine Darlehen bevorzugt an Frauen.

Ist Kambodscha eine Reise wert?

Immer wieder werde ich gefragt, ob sich eine Reise nach Kambodscha lohnt. Das Land ist touristisch wenig erschlossen, und es braucht etwas Abenteuergeist, um es zu bereisen.

Die Hauptstadt Phnom Penh überquillt von Verkehr. Sehenswert in dieser Stadt sind vor allem der Königspalast, das Nationalmuseum und eine grosszügige Promenade entlang dem Mekong. Ein Besuch des Tuol Sleng Museums und der Killing Fields ausserhalb der Hauptstadt weckt beklemmende Erinnerungen an die Zeit der Roten Khmer, die das Land in den Jahren 1975 bis 1979 zugrunde gerichtet und jeden dritten Mitbürger ermordet haben.

Selbstverständlich können auch die Projekte von HOPE FOR ALL in der Nähe von Phnom Penh besichtigt werden. Unsere „Clinic“ umfasst vier Räume, in denen ärztliche und zahnärztliche Sprechstunden abgehalten werden. Gleich daneben liegt ein kleiner Kindergarten. Ein grösseres Gebäude von HOPE FOR ALL befindet sich in einem anderen Stadtteil und beherbergt eine Tagesschule für 80 kleine Kinder.

Im Zentrum der touristischen Interessen stehen der Tempel von Angkor Wat und die Stadt Bayon, die aus dem Urwald ausgegraben wurden. Die antiken Stätte liegen im Norden des Landes bei Seam Reap. Der dortige Flughafen wird von zahlreicheren Flugzeugen angeflogen wird als die Hauptstadt Phnom Penh. Die historischen Stätten von Angkor sind weitläufig. Für eine gründliche Besichtigung werden drei Tage empfohlen, eine ausgedehntere Tour dauert sogar sieben Tage.

Angkor Wat
Angkor Wat

Schliesslich liegen am Golf von Siam bei Sihanoukville (Kampong Saom) einige schöne Sandstrände. Diese Stadt ist von Phnom Penh aus auf einer guten Strasse in drei bis vier Stunden erreichbar. Für seefeste Touristen gibt es auch ein Schnellboot, das Sihanoukville mit einem Ort an der thailändisch-kambodschanischen Grenze verbindet. Die Fahrt auf dem Meer dauert etwa vier Stunden.

Sihanoukville verfügt über Hotels, die westlichen Ansprüchen genügen. Der Ort wurde bisher vorwiegend von Einheimischen besucht, doch seit etwa einem Jahr findet sich diese Destination auch in den Pauschalangeboten von westlichen Reiseveranstaltern. Leider sind an den Stränden bereits die ersten „Aqua Jets“ aufgetaucht, die das beschauliche Strandleben mit Lärm und Gestank stören.

Ich rate davon ab, das Land in einem Mietauto auf eigene Faust zu erkunden. Verkehrsunfälle sind häufig, und bei Verletzungen ist die medizinische Versorgung ungenügend. Sogar auf den Nationalstrassen tummeln sich Vieh und altertümliche Fuhrwerke, deren Lenker von Verkehrsregeln wenig Ahnung haben. Bei Begegnungen mit den überladenen Lastwagen gilt das Recht des Stärkeren. Viele Strassen sind in einem jämmerlichen Zustand, und Wegweiser finden sich nur selten.

Die Menschen von Kambodscha sind Fremden gegenüber freundlich und hilfsbereit, doch kaum jemand versteht eine Fremdsprache. Es ist in letzter Zeit immer wieder vorgekommen, dass Ausländer von kriminellen Banden entführt und nur gegen ein Lösegeld wieder freigelassen wurden. Wer das Land abseits vom organisierten Tourismus kennenlernen will, sollte dies in Begleitung von ortskundigen und vertrauenswürdigen Einheimischen tun. Diese Empfehlung gilt auch wegen der Personenminen, die vom Krieg her in manchen Gegenden noch immer verborgen herumliegen und während der Regenzeit an Orte geschwemmt werden, die zuvor als gesäubert galten.

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