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Reisebericht 2002

Ein Fluss ändert seine Richtung

Bei Phnom Penh vereinigen sich der Mekong und der Tonle Sap, die zwei grössten Flüsse Kambodschas. Der Mekong führt im Sommer viel Wasser. Die Schneeschmelze im Tibet und der Monsunregen lassen seinen Pegelstand bis um 12 Meter anwachsen. Das Wasser des Mekong ergiesst sich in den Tonle Sap, der fast kein Gefälle aufweist, und strömt mehr als 100 Kilometer flussaufwärts in einen See. Dieses riesige "Auffangbecken" dehnt sich auf das Siebenfache seiner Fläche aus und wird 20 mal grösser als der Bodensee. Wenn am Ende der Regenzeit der Wasserstand des Mekong sinkt, kann sich der See wieder entleeren. Das Wasser fliesst nach Phnom Penh zurück und von dort endgültig in Richtung Meer. Eine geniale Einrichtung der Natur, um einer Überflutung des Mekongdeltas vorzubeugen und für die Trockenzeit Wasserreserven zu schaffen.

Dieses Phänomen ist der Anlass für das "Fest der wechselnden Strömungen", das jedes Jahr in Phnom Penh durchgeführt wird. In den Tagen vor dem November-Vollmond versammeln sich Hunderttausende von Schaulustigen am Ufer des Tonle Sap. Aus allen Provinzen des Landes reisen Gruppen von Männern herbei, um an den angesagten Ruderwettbewerben teilzunehmen. Es sind ausgemergelte Gestalten darunter, die kaum mehr besitzen als die Kleider, die sie auf dem Leibe tragen. Während drei Tagen kämpfen mehr als 200 Bootsmannschaften um die Preise, die von der Regierung oder von Getränke- und Tabakfirmen ausgesetzt sind. Da sitzen 30 oder mehr Ruderer dicht gedrängt in ihren 25 Meter langen Schiffen und lassen ihre bunt bemalten Gefährte über das Wasser schiessen. Nachts bewegt sich eine Prozession von phantastisch beleuchteten Drachenbooten den Fluss auf und ab. Der Höhepunkt des Festes ist besinnlich: In einer feierlichen Zeremonie während der Vollmondnacht befiehlt der König dem Wasser, seine Richtung zu ändern und ins Meer zu fliessen.

Zum Frühstück Spaghetti

Auf den Märkten von Phnom Penh gibt es knusprige Baguettes zu kaufen, eine Tradition aus der französischen Kolonialzeit. Doch die Kambodschaner mögen zum Frühstück kein "Café complet". Wer es sich leisten kann, beginnt den Tag mit getrocknetem Fisch oder einer Nudelsuppe.

Im vergangenen Herbst weilte Borith, der Zahnarzt von der HOPE FOR ALL Clinic, erstmals in der Schweiz. Er begleitete ein invalides Kind, das an einem Schweizer Spital behandelt wurde, weil es in Kambodscha keine entsprechende Möglichkeit gibt. Natürlich wollte ich unserem kambodschanischen Freund ein Stück Schweiz zeigen. Wir unternahmen einen Ausflug auf das Schilthorn und begannen unsere Reise frühmorgens im Zug von Basel nach Bern. Gefrühstückt wurde im Speisewagen. Die mitreisenden Geschäftsleute, die ihr Gipfeli in den Milchkaffee tunkten, rümpften plötzlich ihre Nase, als ein kräftiger Geruch von Tomatensauce und Knoblauch durch den Speisewagen zog. Borith hatte zum Frühstück einen Teller Spaghetti bestellt.

Slum in Flammen

Einen Tag, bevor wir aus Kambodscha abreisten, verdunkelte eine riesige Rauchwolke den Himmel über Phnom Penh. In den ersten Stunden wusste niemand, was sich ereignet hatte. Gerüchte sprachen von einem Anschlag auf eine Benzinstation. In Wirklichkeit brannte ein illegal errichtetes Elendsviertel nieder, das schon länger im Gerede war. Man wollte an dem Ort einen Park gestalten, doch die Bewohner liessen sich nicht vertreiben. Jetzt machte das Feuer die Sache klar. Die Feuerwehr soll wegen Wassermangel keine Löschversuche unternommen haben.

Starthilfen

Arbeitsstellen sind rar in Kambodscha, und wer einen Job ergattert hat, muss sich mit einem spärlichen Lohn von umgerechnet 1-2 US-Dollars täglich begnügen. Um eine Familie ausreichend zu ernähren, braucht es etwa 200 Dollars pro Monat.

Unsere einheimischen Mitarbeiter machen immer wieder Leute ausfindig, die willig und fähig sind, eine selbständige Existenz aufzubauen. Oft genügt eine bescheidene Starthilfe, um einer ganzen Familie das Überleben wesentlich zu erleichtern. So wurden in diesem Jahr für einige Bauernfamilien Kühe gekauft. Die Tiere liefern nicht nur Fleisch, sondern leisten auch beim Pflügen gute Dienste. Ein Mann erhielt ein kleines Motorrad, mit dem er jetzt Taxifahrten macht. Wenn er 12 Stunden pro Tag unterwegs ist, reicht der Verdienst, um seine Familie zu versorgen.

"Die Kinder essen den Fortschritt auf"

Mit diesen Worten hat eine Zeitung die wirtschaftliche Situation Kambodschas beschrieben. Das Land verzeichnet tatsächlich einen bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung, doch das Wachstum der Bevölkerung ist ebenso gross. Die weltweite Rezession und schlechte Ernten tragen zusätzlich dazu bei, dass Kambodscha nicht vom Fleck kommt. 700'000 Menschen leiden an Hunger. HOPE FOR ALL hat die Nahrungsmittelhilfe ausgebaut und verteilt mittlerweile jeden Monat 2½ Tonnen Reis an bedürftige Familien.

Die HOPE FOR ALL Clinic wurde renoviert

Das Gebäude unserer Clinic ist erst 4 Jahre alt, aber das tropische Klima hat ihm so zugesetzt, dass bereits Erneuerungen nötig wurden. Die Platten des Fussbodens haben sich in ihr Ausgangsmaterial Sand verwandelt und die Dachziegel sind gesprungen und mussten ebenfalls ersetzt werden. Beim Bau der Clinic hatten wir Wert darauf gelegt, Materialien aus einheimischer Produktion zu verwenden, doch die Qualität von kambodschanischen Fabrikaten kann mit der Konkurrenz aus Thailand offensichtlich nicht mithalten.

Die Sprechzimmer der Clinic sind jetzt klimatisiert. Dies bedeutet vor allem für den Zahnarzt eine Arbeitserleichterung, denn an heissen Tagen wurde das Material für seine Füllungen oft schon hart, bevor er es in den Zähnen platzieren konnte. Der zahnärztliche Behandlungsstuhl, den uns damals ein Schweizer Institut überlassen hatte, musste ersetzt werden. Seine Verstellmechanik hat den Geist aufgegeben und kann nicht mehr repariert werden.

Korruption

In Kambodscha werden Regierungsbeamte schlecht bezahlt. Trotzdem sind staatliche Stellen begehrt, denn mit Korruption lassen sich hohe zusätzliche Einkünfte erzielen. Die Sache funktioniert so: Der Posten eines Staatssekretärs kostet 200'000 US-Dollars, die unter der Hand an den zuständigen Minister bezahlt werden. Der Staatssekretär seinerseits kassiert je 20'000 Dollars von den 20 Chefbeamten, die er anstellt. So geht es weiter bis zu den Polizisten, die 2'000 Dollars hinblättern müssen, um eine Anstellung zu ergattern. Ein Polizeibeamter verdient 40-50 Dollars pro Monat und bessert diesen ungenügenden Lohn mit Bussgeldern auf, die in den eigenen Sack wandern.

Im Mai 2003 sind Parlamentswahlen angesagt. Die besten Wahlchancen werden der bisherigen Regierung unter Ministerpräsident Hun Sen eingeräumt. Eine bemerkenswerte Begründung dafür hängt mit der Korruption zusammen: Während den 10 Jahren, in denen die jetzige Regierung an der Macht ist, haben die Beamten so gut für sich vorgesorgt, dass sie auf weniger Bestechungsgelder angewiesen sind als die Leute einer neuen Regierung, die ihr Vermögen neu aufbauen müssten.

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